KI-Projekt starten: Welchen Prozess zuerst automatisieren?

von Tobias Mattern

Viele KI-Projekte beginnen mit der falschen Frage: „Welches Tool sollen wir einsetzen?“ Die bessere Frage lautet: Welche wiederkehrende Arbeit soll danach leichter sein? Erst wenn der Prozess feststeht, lässt sich beurteilen, ob KI hilft, eine einfache Regel genügt oder eine fertige Software bereits alles Nötige kann.

Für kleine Unternehmen ist die Wahl des ersten Prozesses besonders wichtig. Ein zu großer Start bindet Zeit und Geld. Ein zu unwichtiger Test wird zwar fertig, aber niemand benutzt ihn. Gesucht ist deshalb ein Ablauf, der klein genug für einen überschaubaren Versuch und wichtig genug für den echten Alltag ist.

Woran du einen guten ersten Prozess erkennst

Ein geeigneter Kandidat erfüllt nicht zwingend alle, aber mehrere dieser Merkmale:

  • Er kommt regelmäßig vor.
  • Er kostet Aufmerksamkeit oder blockiert andere Arbeit.
  • Die Eingaben ähneln sich, auch wenn sie nicht identisch sind.
  • Das gewünschte Ergebnis lässt sich konkret beschreiben.
  • Ein Mensch kann die Qualität schnell beurteilen.
  • Fehler sind erkennbar und zunächst leicht korrigierbar.
  • Die nötigen Informationen sind erreichbar und halbwegs geordnet.

Ein Beispiel: „Unseren gesamten Vertrieb automatisieren“ ist kein guter erster Prozess. „Neue Anfragen zusammenfassen und fehlende Angaben für eine Rückfrage markieren“ kann einer sein.

Die vier Felder einer sinnvollen Auswahl

1. Häufigkeit

Eine Aufgabe, die regelmäßig vorkommt, liefert genug echte Fälle für einen Test. Außerdem fällt eine Verbesserung im Alltag eher auf. Eine seltene Sonderaufgabe kann sehr aufwendig sein, ist als Einstieg aber schwer zu lernen und zu bewerten.

2. Belastung

Zeit allein ist nicht alles. Manche Aufgaben dauern nur wenige Minuten, reißen aber ständig aus konzentrierter Arbeit. Andere werden aufgeschoben, weil sie unangenehm oder unübersichtlich sind. Notiere deshalb nicht nur die Dauer, sondern auch Unterbrechung, Frust und Liegezeit.

3. Klarheit

Der Prozess braucht einen sichtbaren Anfang und ein überprüfbares Ende. „Wenn eine Lieferantenrechnung eintrifft“ ist ein Anfang. „Die geprüften Angaben liegen zusammen mit dem Original für die Buchhaltung bereit“ ist ein Ende. Dazwischen lassen sich Schritte, Entscheidungen und Ausnahmen benennen.

4. Risiko

Je größer der mögliche Schaden eines Fehlers, desto ungeeigneter ist der Ablauf für einen autonomen Erstversuch. Das schließt sensible Prozesse nicht generell aus. Der erste Test sollte dann aber nur vorbereiten, markieren oder zusammenfassen. Die verbindliche Entscheidung bleibt beim Menschen.

Eine einfache Prozess-Inventur

Nimm ein Blatt oder eine Tabelle und sammle eine Woche lang Aufgaben, die sich wiederholen. Vier Spalten genügen:

AufgabeAuslöserErgebnisSchwierigkeit
Anfrage bearbeitenneue E-MailAntwort oder RückfrageAngaben fehlen oft
Beleg ablegenFoto oder AnhangEintrag mit Originalunterschiedliche Formate
Termin nachfassenDatum erreichtpersönliche ErinnerungAusnahmen bei laufenden Fällen

Schreibe die Abläufe so auf, wie sie wirklich stattfinden. Ein Prozess, der nur auf dem Papier existiert, ist keine gute Grundlage. Wenn drei Mitarbeitende dieselbe Aufgabe unterschiedlich lösen, ist das eine wichtige Erkenntnis und kein Grund, sie zu verstecken.

Kandidaten bewerten, ohne Scheingenauigkeit

Du brauchst kein kompliziertes Punktesystem. Markiere für jeden Kandidaten einfach niedrig, mittel oder hoch:

  1. Wie häufig kommt die Aufgabe vor?
  2. Wie stark stört oder belastet sie?
  3. Wie klar sind Eingang und gewünschtes Ergebnis?
  4. Wie leicht kann ein Mensch das Resultat kontrollieren?
  5. Wie schwer wäre ein Fehler?
  6. Wie gut sind Beispiele und Daten verfügbar?

Ein starker Startkandidat hat hohe Häufigkeit, spürbare Belastung, klare Ergebnisse und gut kontrollierbare Fehler. Hohes Risiko ist ein Warnsignal, besonders wenn zugleich die Abläufe unklar sind.

Drei Kandidaten im Vergleich

E-Mail-Anfragen vorbereiten

Der Eingang ist klar, Beispiele sind vorhanden und ein Mitarbeiter kann jeden Entwurf vor dem Versand prüfen. Das macht den Ablauf häufig zu einem geeigneten Einstieg. Wie die Grenzen aussehen, beschreibt KI-Assistent für E-Mails im Unternehmen.

Vollautomatisch Angebote versenden

Hier hängen Preis, Leistung und Haftung an einem Ergebnis. Als erster autonomer Prozess ist das riskant. Sinnvoller kann eine kleinere Vorstufe sein: Angaben aus Notizen strukturieren, fehlende Positionen markieren und einen Entwurf im bestehenden Format vorbereiten.

Interne Dokumente durchsuchen

Das kann nützlich sein, wenn Handbücher, Preislisten und Abläufe aktuell und zugänglich sind. Sind fünf widersprüchliche Versionen im Umlauf, sollte zuerst die Dokumentenbasis aufgeräumt werden. KI löst keine ungeklärte Zuständigkeit.

Den Prozess richtig zuschneiden

Ein guter Kandidat ist häufig noch zu groß formuliert. Zerlege ihn in einzelne Schritte:

  1. Eingang erkennen
  2. Informationen entnehmen
  3. Fall einordnen
  4. fehlende Angaben markieren
  5. nächsten Schritt vorbereiten
  6. prüfen und freigeben
  7. Ergebnis ablegen

Für den ersten Test reichen vielleicht die Schritte zwei bis fünf. Der Eingang bleibt zunächst manuell, der Versand ebenfalls. Dadurch entsteht ein sicherer Lernraum, ohne dass sofort alle Systeme verbunden werden müssen.

Welche Beispiele du sammeln solltest

Ein KI-Helfer wird nicht mit einer idealen Musterdatei beurteilt. Sammle stattdessen:

  • einige normale Fälle
  • unvollständige Eingaben
  • uneindeutige Formulierungen
  • Anhänge in unterschiedlichen Formaten
  • Fälle, die bewusst an einen Menschen gehen müssen
  • Beispiele für ein gutes und ein ungeeignetes Ergebnis

Personenbezogene oder vertrauliche Daten sollten für frühe Tests entfernt oder durch sichere Testdaten ersetzt werden. Welche Datenschutzfragen bei externen KI-Diensten wichtig sind, erklärt der Artikel Ist ChatGPT DSGVO-konform?. Für die konkrete rechtliche Prüfung kann zusätzliche Fachberatung nötig sein.

Checkliste für den Projektstart

  • Der Prozess ist in einem Satz beschrieben.
  • Start und gewünschtes Ende sind klar.
  • Eine verantwortliche Person ist benannt.
  • Normale und schwierige Beispiele liegen vor.
  • Die erste Version darf nur vorbereiten, nicht endgültig entscheiden.
  • Menschliche Prüfung und Eskalation sind festgelegt.
  • Originaldaten bleiben erhalten.
  • Erlaubte Daten und Systeme sind geklärt.
  • Erfolg wird an einer konkreten Verbesserung beurteilt.
  • Der Test kann beendet werden, ohne den Betrieb zu blockieren.

Woran du nach dem Test entscheidest

Ein gelungener Prototyp ist noch kein guter Betriebsprozess. Beobachte im Alltag: Wird das Ergebnis tatsächlich genutzt? Spart es Arbeit oder verlagert es sie nur in Kontrollen? Welche Fälle müssen häufig korrigiert werden? Verstehen die Beteiligten, wann sie dem Helfer vertrauen dürfen und wann nicht?

Erst wenn diese Fragen zufriedenstellend beantwortet sind, lohnt sich der nächste Automatisierungsschritt. Einen Überblick über die technische und organisatorische Umsetzung gibt KI-Automatisierung für kleine Unternehmen.

Fazit

Der beste erste KI-Prozess ist nicht der eindrucksvollste. Es ist ein begrenzter, wiederkehrender Ablauf mit klarer Kontrolle und echtem Nutzen. Wer mit dem Prozess statt mit dem Tool beginnt, kann klein lernen und anschließend bewusst ausbauen.

Wenn du zwischen mehreren Kandidaten schwankst, kannst du sie im 15-Minuten-Check zur KI-Beratung gemeinsam einordnen. Auch die Antwort „erst den Ablauf aufräumen“ kann dabei das richtige Ergebnis sein.